Portativ mit zwei Registern

g - c'''
8' 4'
440 Hz
Gregor Bergmann 2015
 
previous arrow
next arrow
Slider

Lorenzo da Firenze

Dà, dà, a chi avaregia - Intabulation - Veit-Jacob WALTER, Organetto: hier klicken

LIVE Improvisation

über Alleluya [V. Iustus germinabit sicut lilium] - D-W Cod. Guelf. 628 Helmst., fol. 41-42 -
Veit-Jacob WALTER, Organetto: hier klicken

Schleifen in Portativen

Unter den Orgelinstrumenten ist das Portativ durch seinen kleinen Umfang, seinen variablen Winddruck und seine Beweglichkeit einzigartig. Das wurde und wird oft als Einengung für den Musiker empfunden. Jedoch fordern gerade diese Eigenschaften den Musiker besonders stark. Zusammen mit einem Mangel an guten Spielern, die unbekanntes Repertoire aufführen wollen, war das vielleicht lange der Grund für den Winterschlaf der Portative. Heute haben wir excellente Musiker, die auf hohem Niveau höchst komplexe und wunderschöne zeitgenössische Musik allein oder im Ensemble aufführen.

Die Instrumentenbauer haben auch einen weiten Weg hinter sich gebracht und viele interessante Nachbauten lassen sich hören und sehen. Alle Macher von mittelalterlichen Tasteninstrumenten stehen vor der gleichen Schwierigkeit, keine Originalnstrumente sind erhalten. Die für einen Nachbau notwendigen Informationen müssen aus dem musikalischen Kontext, Manuskripten, Berichten, Gemälden, Kirchenfenstern und Bildhauereien in Holz und Stein gesucht werden. Wie der Musiker muss auch der Instrumentenbauer seinen ganzen Forschungsdrang und Einfallsreichtum für einen Nachbau dort voll entfalten, wo Manuskript und Ikonographie schweigen. Das habe ich machen dürfen für ein Portativ in dem zwei Schleifen zu sehen sind, ein Detail, das öfter beobachtet werden kann.

In diesem Artikel will ich diskutieren, wie Schleifen in der jüngeren Vergangenheit interpretiert wurden und welche Aufgabe ich ihnen in meinem Instrument gegeben habe.

Bartholomäus Köln
Meister des Bartholomäus-Altars Köln, um 1490/95, Quelle: Wikimedia (Public Domain)
Bartholomäus München
Bartholomäus-Altar, München, um 1501/03, Quelle: Wikimedia (Public Domain)

Beim Betrachten der nebenstehenden Bilder muss man erkennen, dass die Instrumente hochentwickelt sind. Die Handwerkskunst ist von höchster Qualität mit einem eleganten, schlanken Gehäuse, feinen Ornamenten und bossierten Pfeifen. Diese Instrumente sind musikalisch und technisch ebenso hochentwickelt wie es Orgeln heute sein mögen. Die intelligent verzierten Gehäuse beherbergen komplexe Instrumente mit noch heute üblichen Tasten, Pfeifen die ähnlich den unsrigen mensuriert sind und den gleichen genial einfachen Schleifen die auch in unseren Orgeln am üblichsten sind.

Schleifen in Portativen mit nur einer sichtbaren Pfeifenreihe lassen viel Platz zur Spekulation, welche Funktion sie hatten. Die gängigste ist, dass sie Bordunpfeifen eingeschaltet haben. Eine weitere, wesentlich interessantere, vermutet ein verstecktes Regal in dem Raum zwischen Tastatur und Pfeifenstock. Hickmann¹ spricht von einer weiteren, Koppeln, aber es ist mir nicht ganz klar, was er damit meint. Es gibt sicherlich noch weitere Möglichkeiten, von denen ich nichts weiß.

Von diesen Dreien halte ich die erste für die unwahrscheinlichste. Die großen Pfeifen sind immer auf der Baßseite und es wäre einfach sie über der Klaviatur zu bedienen. Das wäre für den Spieler leicht zu erreichen und technisch eleganter. Außerdem informieren mich Musiker, dass in den meisten Fällen der Daumen diese Aufgabe leicht übernehmen kann.

Die zweite Möglichkeit, ein verstecktes Regal, erklärt nicht nur nur die Schleife (eine für das Regal, eine für den Prinzipal), sondern auch den großen Abstand zwischen Tastatur und Pfeifenstock. Hier könnte ein Regal gut untergebracht werden. Marcus Stahl aus Dresden hat ein solches Instrument gebaut. Es wäre interessant, einen Artikel über die musikalische Verwendung dieses Instrumentes zu lesen.

In der dritten Möglichkeit könnte die Schleife ein zweites Labialregister bedienen. Die Bilder zeigen die Pfeifenmündungen, es lassen sich zwei Reihen erkennen² und die Summe korrespondiert mit dem Tastenumfang, soweit das zu erkennen ist. Mit anderen Worten, es gibt nicht genügend Pfeifen für zwei Register. Weil aber Spieler oder Gehäuse Teile des Instruments verdecken, kann man nicht sicher sein, wie das Instrument im Diskant aussieht. Würde man eine Oktave Pfeifen im Diskant zwischen den beiden Pfeifenreihen unterbringen, würde die Perspektive sie verstecken.

Abgesehen von der Baßoktave würden diese Pfeifen gemeinsam mit den übrigen Pfeifen ein komplettes Register machen, eine Oktave über dem tiefsten Ton. Vielleicht ist es das, was Hickmann mit seiner "Koppel" meint. Im Grunde hat diese System den gleichen Effekt wie eine Oktavkoppel. Um das technisch möglich zu machen braucht man eine Windlade und einen relativ hohen Pfeifenstock mit komplizierten Verführungen, so dass die auf den Bildern sichtbaren hohen Stöcke auch ihren Sinn hätten. In einem gewöhnlichen Portativ reicht ein wesentlich dünnerer Pfeifenstock ohne Windlade.

Die Orgelgeschichte zeigt uns, dass dieses System praktisch zu allen Zeiten von einzelnen Instrumentenmachern genutzt wurde. Die älteste mir bekannte Beschreibung ist in Prätorius "Syntagman Musicum"³. Er beschreibt ein "Alt Positiff" mit einer Pfeifenreihe, aus der drei Register gewonnen werden: 2', 1½' und 1'. Auch diese kleine Orgel hat einen hohen Stock.

Als ich ein Portativ bauen durfte, begann ich Bilder zu studieren und wunderte mich bald über die Schleifen und hohen Stöcke. Ich hatte in einer Werkstatt gearbeitet, die Orgeln von Daniel Hertz restauriert hat und sogar neue Truhenorgeln mit "Hertz" Extensionssystem bauen. Gemeinsam mit der Erinnerung an Prätorius "Alt Positiff" war ein Portativ mit einer Pfeifenreihe und zwei Registern fast zwingend. Mein Kunde und ich entwarfen ein Portativ mit dem Umfang 8’g1-c3  und den Registern 8’g1- c3 and 4’g2- c4. Eine Transponiereinrichtung von 440 auf 466 forderte noch ein cs4 (c³in 466), so dass das Instrument 45 Pfeifen hat. Die Pfeifen von g1- c3 stehen wie üblich in zwei Reihen vorne und hinten, während die zusätzliche Oktave, cs3- cs4 wie oben beschrieben zwischen den Reihen im Diskant steht.

Der Stock ist aus mehreren Schichten Lindenholz gemacht. Die der Windlade nächstliegenden Schichten verbinden die Oktaven, die weiteren Schichten führen den Wind zu Pfeifen. Wenn man den Stock entwirft, muss man sich um möglichst gleiche Längen und Querschnitte der beiden Kanäle bemühen, die eine Pfeife versorgen. Sonst wird es schwierig die Oktaven rein zu stimmen.

Ein großer musikalischer Vorteil der Portative ist, dass der Spieler den Winddruck kontrolliert. Für den Orgelbauer bedeutet dass unstabiler Wind und das wiederum bedeutet Ärger - Intonieren wird zu einer echten Herausforderung. Mit zwei Registern, die gemeinsam spielen können sollen kommt die Stimmung als weiteres Problem dazu. Es gibt jedoch eher einen Bereich als einen Punkt in dem die Pfeifen stimmen. Gut intonierte Pfeifen verkraften auch mehr Schwankungen im Winddruck. Dennoch darf man hier nicht zu kleinlich sein.

Technisch funktioniert ein solchen Instrument. Ich bin neugierig auf den musikalischen Nutzen.

 

1 Hans Hickmann, "Das Portativ"  - Leider kann ich nicht mit der Seitenzahl dienen, weil ich das Buch nicht zur Hand habe.

2 Es gibt auch Abbildungen mit drei Pfeifenreihen vom Baß an.

3 Michael Praetorius, Syntagma musicum, Organographia, chapter XLVIII, p. 79-80. Wie der 1 ½´ genutzt werden konnte ist eine interessante Frage, weil es mit der Stimmung Probleme geben sollte.